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Von Manuel Czauderna für tagesschau.de
[Bildunterschrift: Olympische Spiele für alle? Entwicklungsländer sollen über YouTube informiert werden. ]
Timo Lumme ist stolz. "Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele gibt es eine vollständige globale Online-Berichterstattung", sagte der für Fernsehen und Marketing zuständige Direktor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wenige Tage vor Beginn der Wettkämpfe in Peking. Der Hintergrund: Das IOC überträgt auf dem Online-Videoportal YouTube jeden Tag die Höhepunkte der Olympischen Spiele in diejenigen Regionen der Welt, in denen die digitalen Rechte nicht oder zumindest nicht exklusiv vergeben wurden. Die meisten dieser 77 Länder in Afrika, Asien und dem Nahen Osten sind Entwicklungsländer.
500 bis 800 Videoclips zu den Wettkämpfen sind geplant: jeden Tag drei Stunden Zusammenschnitte der wichtigsten Ereignisse und sportlichen Höhepunkte. Angesichts der schwierigen Lizenzfragen für die Internet-Übertragungen in Ländern wie Deutschland mag der eine oder andere neidisch auf das neue Angebot blicken. Doch außerhalb der 77 ausgewählten Länder verhindert eine Technik namens "Geoblocking", dass Internetnutzer die YouTube-Clips sehen können. Was aber möchte das IOC mit seinem Angebot erreichen und wer profitiert von dem Angebot?
Geoblocking: Geoblocking ist eine Technik, die verhindern soll, dass Nutzer aus bestimmten Ländern oder Regionen Zugang zu Internet-Inhalten erlangen. Dafür wird aus der IP-Adresse, die jeder Benutzer des Internets hat, sein Standort ermittelt und überprüft, ob die Inhalte für ihn freigegeben sind.
[Bildunterschrift: Nur in Ländern ohne exklusive Digitalrechte, kann der Olympia-Kanal abgerufen werden. ]
Die finanziellen Erlöse des YouTube-Geschäfts seien im Vergleich zu den traditionellen Fernseh-Erlösen verschwindend gering, versichert das IOC. Vielmehr sollen die Internet-Clips die Verbreitung von illegalen Videos einschränken. Außerdem soll das Angebot jüngere Zielgruppen ansprechen - Zielgruppen, die langfristig gesehen auch finanziell interessant werden. Bei den Sommerspielen 2004 in Athen lag das Durchschnittsalter der Zuschauer bei über 40 Jahren. Das IOC möchte, dass so viele Menschen wie möglich die "magischen Spiele" miterleben können, so Timo Lumme. Natürlich schließt das auch ein, dass die Internetnutzer statt der Bilder anderer Medien nur jene Bewegtbilder auf dem Olympia-Kanal sehen, die das IOC gemeinsam mit den chinesischen Organisatoren der Spiele produziert.
Wie groß die Nachfrage in den Entwicklungsländern sein wird, bleibt abzuwarten. Kamal Zafer aus dem ARD-Studio in Kairo bezweifelte gegenüber tagesschau.de, dass die Olympischen Spiele im Nahen Osten ein großes Publikum interessieren werden: "Viele wissen gar nicht, dass die Olympischen Spiele begonnen haben." Die olympischen Sportarten seien im arabische Raum eher unpopulär. Nur Fußball werde in jeder Ecke gespielt und verfolgt. Er erwarte zudem aufgrund von Erfahrungen bei früheren Sportereignissen, dass sich die meisten für das Fernsehen als Informationsquelle entschieden. So empfängen im Irak viele Menschen auch ausländische Sender über Satelliten.
Dossier:
ARD-Korrespondent Bernd Rasem zweifelt an dem Erfolg des Angebots in Südostasien. Er betont vor allem die fehlende Infrastruktur für den Empfang der YouTube-Videos. Schnelle Internetverbindungen gebe es lediglich in größeren Städten - und selbst dort gebe es nur wenige Privatanschlüsse. Dabei müsse natürlich nicht nur zwischen der ländlichen und städtischen Bevölkerung, sondern auch zwischen höher entwickelten Ländern wie Singapur und geringer entwickelten Ländern wie Vietnam unterschieden werden. Auch hier gilt die Einschätzung: Die Begeisterung für die Spiele hält sich generell in Grenzen und betrifft ähnlich wie im Nahen Osten nur wenige Sportarten: "Ob in China Smog ist, oder nicht, interessiert hier nur bedingt", sagte Rasem tagesschau.de.
[Bildunterschrift: Für die meisten Internetnutzer in Entwicklungsländern sind Bewegtbilder im Internet wegen der langsamen Verbindungen nur ein Traum. ]
An Begeisterung für die Olympischen Spiele fehlt es in Afrika dagegen nicht. Länder wie Äthiopien und Kenia stellen traditionell viele erfolgreiche Langstreckenläufer. Optimale Voraussetzungen für eine große Nachfrage nach dem Olympia-Kanal - so könnte man meinen. Nach der Einschätzung von ARD-Korrespondent Peter Schreiber haben zwar sehr viele Menschen in afrikanischen Ländern den Beginn der Spiele in Peking verfolgt. Doch der Großteil der Bevölkerung verfügt über keinen Zugang zum Internet – und die wenigen Internetcafés haben nur analoge Anschlüsse.
"Bewegtbilder sind ein Traum, von dem 99 Prozent der Menschen in Afrika nichts haben. Selbst normale Fotos bauen sich so langsam auf, dass die Internetverbindung oftmals bereits vorher abbricht", sagte Schreiber tagesschau.de. Hinzu komme, dass ein Besuch im Internetcafé ungefähr einen Euro koste – ein ganzes Monatsgehalt vieler Afrikaner. So wird sich auch in den Entwicklungsländern in Afrika der Großteil der Menschen wahrscheinlich über Zeitungen, Fernsehen und Radio informieren.
Die Mehrheit der potenziellen Nutzer in den 77 Ländern weiß wahrscheinlich auch nichts von dem Olympia-Kanal auf YouTube. Und so bleibt zu vermuten, dass die Erfolgsmeldung über die erste "vollständige globale Online-Berichterstattung" vor allem dort thematisiert wird, wo die Video-Clips gar nicht zu sehen sind: in reichen Ländern, die ausreichend mit Bildern versorgt sind.